German Interview with Anna Martin

July 9, 2015

Ich bedanke mich herzlich bei Anna Martin, die sich bereit erklärt hat, an diesem Interview teilzunehmen und euch Lesern Frage und Antwort zu stehen. Auch ein großes Dankeschön an euch Leser, denn ohne euch wäre dieses wunderbare Interview nicht zustande gekommen.

AnotherWayDE

Vielen Dank fürs Übersetzen, Corina! Obwohl ich ein wenig Deutsch in der Schule lernte, erinnert sich mein kleines Spatzenhirn nur mehr an folgende Phrasen: „Ich bin 12 Jahre alt.“ und „Es ist windig.“ Beide Sätze sind mir heutzutage nicht gerade hilfreich.

Zuallererst: Verrate etwas über dich, das deine Leser überraschen würde.

Ich habe einen Master in Stage Management and Technical Theatre (Anm.: wäre in Deutschland der Veranstaltungstechniker), woraufhin ich eine qualifizierte Elektrikerin wurde. An einem Punkt musste ich mich entweder für meine Karriere im Theater oder für meine Karriere als Autorin entscheiden, da beide am Siedepunkt zum Erfolg standen. Ich arbeitete die letzten sieben Jahre beim Edinburgh Fringe Festival (was eines der größten Theaterfestspiele der Welt ist) , sodass ich meine Fähigkeiten hin und wieder aus der Versenkung holen konnte. Obwohl ich das Theater liebe, bin ich doch der Meinung, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. ;-)

Was hat dich dazu gebracht, M/M Romanzen zu schreiben? Wie lange schreibst du schon und wie lange hat es gebraucht, bis du von einem Verlag publiziert wurdest?

Vor 13 Jahren wurde ich mittels Fanfiktions auf M/M Geschichten aufmerksam. Ich begann, für mich „fehlende Szenen“ im Harry Potter Fandom zu schreiben, die sich dann zu Harry / Draco Geschichten entwickelten, und der Rest ist Geschichte, denke ich! Seit meiner Kindheit erfinde ich Geschichten, aber jetzt schreibe ich sie auch nieder.

Ich war nie in der Lage rauszufinden, was mich so an M/M Romanzen fasziniert. Ich denke, es kann damit zusammenhängen, dass es scheint, als gäbe es hier so viele unerforschte Wege. Wenn ich ein Konzept für eine M/M Geschichte entwickelt habe, kann ich mir ziemlich sicher sein, dass es nicht schon mal geschrieben wurde, und wenn doch, dass ich einen neuen Twist reinbringen kann.

Ich war so glücklich, als „Andere Wege“ veröffentlicht wurde. Eine Freundin von mir, Tia Fielding, veröffentlichte bereits über Dreamspinner Press und schlug vor, das Buch bei ihnen einzureichen. Und sie nahmen es! Vier Jahre und fünfzehn Bücher später stehen wir hier.

Ich hoffe, die Frage ist nicht zu privat, wenn ja, musst du natürlich nicht darauf antworten: Wie vereinst du deine Liebe zum Schreiben mit deinem Real Life (Familie, Freunden, dem Partner etc.), ohne dass einer dabei zu kurz kommt?

Ich habe keine Freunde.

Ha!

Nun, ich habe einen Vollzeitjob im Marketing, weshalb mein Schreiben sich dem anpassen muss. Aber ich bin auch irgendwie ein Glückspilz, da ich ziemlich schnell schreibe. Ich schrieb „Summer Son“ in fünf Wochen und „That I Should Meet a Prince“ (die englische Version wird dieses Jahr veröffentlicht) in neun Wochen.

Ich bin auch Single, kinderlos und lebe allein, das hilft vermutlich!

Es kam mir nie so vor, als würde ich mit mir selbst in einem Konflikt stehen, um mein Verlangen nach dem Schreiben zu stillen, Erfolg in meinem Beruf zu habe und Zeit für meine Freunde zu finden. Ich bin eine wirklich glückliche Frau.

Schreibst du an mehreren Büchern gleichzeitig oder konzentrierst du dich lieber nur auf eines? Wie lange schreibst du durchschnittlich an einer Geschichte und wie sieht dein Schreiballtag im Allgemeinen aus?

Ich habe keine eindeutige Antwort darauf. Manchmal arbeite ich an zwei oder drei Büchern gleichzeitig. Manchmal an einem oder gar keinem. Ich habe eines in einem Monat geschrieben und an einem anderen arbeite ich bereits seit zwei Jahren. Ich habe keine Routine. Das was einer Routine am Nähesten kommt, ist, dass ich abends schreibe, wegen dieses verflixten Vollzeitjobs und da ich meine Geschichten in Coffee Shops überarbeite, um nicht von Tumblr abgelenkt zu werden. Aber es hängt wirklich von vielen verschiedenen Faktoren ab. (Manchmal wünsche ich mir, ich wäre eine jener Autoren, die jeden Morgen 5000 Wörter schreiben, dabei die Katze im Schoß und eine Tasse Kaffee in der Hand haben. Dann hätte ich eine bessere Antwort auf diese Frage! Aber ich denke nicht, dass ich jemals diese Art von Mädchen sein werde.)

Gibt es bestimmte Stärken und Schwächen, die du als Autor besitzt?

Ich denke, sie sind dieselben Dinge. Ich schreibe sehr charakterbezogene Geschichten. Ich bin an den Leben normaler Leute interessiert und was ihre Routinen stört, was sie dazu bringen könnte, sich außerhalb ihrer Wohlfühlzonen zu bewegen, was ausschlaggebend ist, dass sie sich verlieben. Ich schreibe keine Geschichten mit komplexen Handlungen und Nebenhandlungen, mit Schießereine und Werwölfen und Explosionen und überraschenden Schwangerschaften … so bin ich einfach nicht.

Das wohl häufigste negative Feedback zu meinen Geschichten ist, dass nichts darin passieren würde! Und dagegen ist nichts einzuwenden. Gebt mir zwei interessante Jungs und eine ungewöhnliche Situation – das bringt mich auf Touren.

Gibt es für dich gewisse Hilfsmittel oder Werkzeuge, die für einen Autor unerlässlich sind?

Eine gute Vorstellungskraft. Lasst mich euch was witziges erzählen – meine Universität weigerte sich, mich an dem Kurs Kreatives Schreiben teilnehmen zu lassen, da ich nicht die passenden Qualifikationen hätte. Stattdessen wählte ich Englische Literatur. Ich promovierte mit 21, meine erste Geschichte wurde veröffentlicht, als ich 25 war. Qualifikationen sind nicht alles! Ich denke, wenn du das Verlangen hast, zu schreiben, übe, lass dir Feedback geben, lerne deine eigene Arbeit zu editieren und schreibe weiter. Alles was du tun musst, um ein Autor zu werden, ist zu schreiben. So simpel ist das.

Wie hast du die Veröffentlichung deines ersten Buches gefeiert?

Mit einem Tattoo! Ich habe eine traditionelle Zigeunerlady auf meinem Schenkel, darunter ist ein Banner mit dem Spruch „alis volat propriis“. Es ist lateinisch für „Sie fliegt mit ihren eigenen Flügeln.“ Es soll mich daran erinnern, Dinge auf meine Weise zu tun und mich von niemanden zurückhalten zu lassen.

 Findest du einen speziellen Typ Mann besonders faszinierend und bindest du ihn häufiger in deine Geschichten ein?

Ich liebe freche Charaktere. Ich habe einige große, dreiste Persönlichkeiten in meiner Backlist. Meine Protagonisten sind eigentlich so ziemlich das absolute Gegenteil zu den Männern, die ich im realen Leben attraktiv finde. Ich könnte Männer wie Liam von „Solitude“ immer wieder schreiben. Er ist unverschämt und zickig und ein wenig böse, aber ich vergöttere ihn! Ich denke, der einzige Charakter, der meinen perfekten Typ Mann widerspiegelt, ist Ryan von „Cricket“.

 Gehörst du auch zu den Autoren, die von der Muse ständig Arschtritte bekommen, vor allem, wenn sie etwas will, das dir aktuell so gar nicht in den Zeitplan passt?

Ich habe viele Ideen, ja. Ich lasse mich von Leuten inspirieren, da ich mir oft vorstelle: „Okay, welche Art von Person wäre wohl in dieser Situation am interessantesten zu schreiben?“ Wenn ich einen engen Zeitrahmen habe, möchte die Muse normalerweise immer, dass ich eine Fanfiktion schreibe!

Wachsen dir manche Protagonisten mehr ans Herz als andere? Wenn ja, welche magst du am liebsten? Gab es ein Paar, das dich in den Wahnsinn getrieben hat?

Oh Gott, ja. Will und Jesse von der Serie „Neue Wege“. Ich träume von ihnen, und sie sind die einzigen meiner Charaktere von denen ich träume. Ich weiß so vieles über sie. Dinge, die es niemals in die Bücher schaffen würden, da sie zu trivial sind. Ich weiß sogar wie sie sterben, da ich meine Gedanken dorthin wandern lies, um es unbedingt herauszufinden. (Ich weinte danach.) Es gibt sogar ein Pärchen im realen Leben, die für mich Will und Jesse sind – Ich sah ein Foto auf Tumblr und hatte eine Art Nervenzusammenbruch, da es meine Jungs waren, die mir entgegenblickten. Ihre Ausdrücke, die Art und Weise wie sie miteinander umgehen, alles war so, wie ich es mir bei Will und Jesse vorgestellt habe.

Wenn du mit einem deiner Protagonisten einen trinken gehen könntest, für wen würdest du dich entscheiden und warum?

Ich würde sagen, Boner von „Jurassic Heart“. Denn er ist lustig, verrück und wild, und seien wir mal ehrlich, ich würde wohl mit ihm Bett landen.

Welcher deiner Charaktere ähnelt dir charakterlich am meisten?

Ich sagte immer Robert von „Tattoos & Teacups“ (Anm.: deutsche Übersetzung: Teeträume vom Cursed Verlag), da er zu dieser Zeit meiner eigenen Persönlichkeit sehr nah kam. Seitdem hat sich viel geändert, und ich sehe viel von mir selbst in George von „That I Should Meet a Prince“. Deshalb lautet meine neue Antwort George!

Hast du schon einmal abfällige / beleidigende Bemerkungen zu deinen Büchern erhalten? Wenn ja, wie hast du darauf reagiert?

Immer wieder, das gehört dazu, wenn man ein Autor ist. Ich denke, es half mir, dass ich vorher Fanfiktions schrieb, da ich konstruktive Kritik gewöhnt war und meine Arbeit aufgrund dieses Feedbacks stetig verbesserte. Eines meiner liebsten Reviews war ziemlich negativ: „Hab kein Interesse daran, eine schwule Version von Eiskalte Engel zu lesen, die mit selbstverliebten, völlig bescheuerten und verrückten Teenagern besiedelt ist. Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“ Das war ein Review zu „Les faits accomplis“. Ich las es und dachte mir: „JA! Ganz genau!“ Die Leserin hat perfekt zusammengefasst, worüber das Buch handelt. Wenn das nichts für sie ist, ist das vollkommen in Ordnung. Aber sie erfasste den Kern der Geschichte in ihrem Statement, und das liebte ich!

Letzte Woche veröffentliche DSP die deutsche Übersetzung von deinem Buch Another Way (Andere Wege). Was hat dich inspiriert, dieses Buch zu schreiben?

Nun, es hat lange gedauert, ehe die deutsche Übersetzung des Buches veröffentlicht wurde. Ich habe es vor sechs Jahren geschrieben, weshalb ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern kann, was mich dazu brachte, dieses Buch zu schreiben. Es sind aber auf jeden Fall die Charaktere, die mich immer wieder zu dieser Serie hinziehen – ich vergöttere Jesse und Will, sie fühlen sich so real an und anscheinend kann ich die beiden einfach nicht gehen lassen.

Gibt es eine Szene im Buch, die dich während des Schreibens besonders berührte?

Ich denke, es ist die erste Szene von Buch 3 („To Say I Love You“). Jesse joggt und versucht seine Gedanken zu ordnen. Symbolisch läuft er vor seinen Problemen davon, da er einfach nicht weiß, wie er mit den Dingen, die gerade in seinem Leben geschehen, umgehen soll. Da es aber sehr viele emotionale Hochs und Tiefs in dieser Serie gibt, bin ich mir sicher, dass mir manche Leser widersprechen werden.

Was war der am schwersten zu schreibende Charakter in der Neue Wege Serie?

Ich würde sagen, Jesses Dad. Er ist ein sehr ruhiger, engstirniger, introvertierter Mann, und er kann seine Liebe nur sehr schwer zeigen. Deshalb war es auch so schwer, eine offene Kommunikation zwischen ihm und Jesse zu schreiben! Ich mag ihn trotzdem – obwohl er aus den südlichen USA kommt, akzeptiert er Jesses und Wills Beziehung und verteidigt sie vor seinen homophoben Kollegen.

Wenn du einen Titelsong für dein Buch aussuchen müsstest, welcher wäre es?

Das ist leicht! „Forever“ von Ben Harper. Ich dachte, ich hätte ein Zitat von diesem Lied in einem der Bücher dieser Serie erwähnt, aber ich hab es gerade geprüft und anscheinend war dem nicht so. Das Lied „Walk Away“, auch von Ben Harper, hat den ersten Band dieser Serie sehr beeinflusst.

Am 22. Juni wurde dein Buch Devil’s Food at Dusk veröffentlicht, das aus einer Zusammenarbeit mit M.J. O’Shea entstand. Kannst du uns ein wenig darüber erzählen?

Oh, es machte so viel Spaß, diese Bücher zu schreiben. Es ist der dritte Band einer dreibändigen Kollektion, die wir „Just Desserts“ nennen. Die drei Bücher sind „Macarons at Midnight“, das in einer Bäckerei im West Village in New York spielt, „Souffles at Sunrise“, die über eine Reality Backshow in LA handelt, und „Devil’s Food at Dusk“, das in einem kleinen Kaffee im French Quarter von New Orleans spielt. Jedes Buch hat seinen eigenen Standort und seine eigenen Charaktere, aber sie alle verlieben sich und backen, und es gibt auch ein paar tolle Rezepte in den Büchern! MJ ist eine gute Freundin von mir, weshalb das Schreiben mit ihr fantastisch war.

Sind weitere Reihen oder Einzelbände in dem Genre BDSM geplant?

Ja, plane ich. Ich habe geplant, dass die Serie „Neue Wege“ fünf Bücher beinhaltet. Es wird ein weiteres Buch aus der Sicht von Jesse geben, dann eine Fortsetzung aus Wills Sicht. Ich habe fest beabsichtigt, diese Bücher zu schreiben, aber ich habe keine Ahnung, wann das genau sein wird. Mein Leben als Autor und auch darüber hinaus, ist zur Zeit sehr stressig.

Was fiel dir in deinem letzten Buch am schwersten?

Ich bin mir nicht sicher. Für mich ist es meist am schwierigsten über die fünfzehn- bis zwanzigtausend Wörter hinauszukommen und das ganze Wirrwarr an Ideen in eine schlüssige Geschichte zu bringen. Ich beginne meist mit einem Buch, lasse es dann für eine Weile ruhen, arbeite wieder daran und beende es dann.

Zu guter Letzt. Woran arbeitest du zur Zeit?

Zur Zeit an nichts Solidem. Ich versuche mir gerade selbst beizubringen, ein Drehbuch zu schreiben, und nage an „The Impossible Boy“ – das ist das Buch, an dem ich bereits seit zwei Jahren schreibe. Ich habe ein paar andere Plot Bunnies, aber ich weiß noch nicht, welches davon mein nächstes Projekt sein wird.

Ein großes Dankeschön an alle, die diese Fragen eingeschickt haben. Ich hoffe, ihr genießt die deutsche Übersetzung von „Andere Wege“ und all die anderen fantastischen deutschen Übersetzungen von Dreamspinner Press.

One Response to “German Interview with Anna Martin”

  1. Katerina says:

    Vielen Dank für dieses interessante und wunderschöne Interview. Ich bin so sehr auf Anna’s neue Projekte gespannt. Und – ich hoffe sehr – dass Teil 2 und 3 von ‘Andere Wege’ auch bald übersetzt werden :) Ein Dankeschön an Euch ;)

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